GRÜN HÖREN GEORG KLEIN

Zweiteilige, interaktive Klanginstallation zur IGA 2017.
In Kooperation mit dem Orchester des Wandels der Staatskapelle Berlin.

icon WAHRNEHMUNG

GRÜN HÖREN spielt mit der akustischen Wahrnehmung von Landschaft: Interaktive Hörbäume überraschen Passanten der Tälchenbrücke mit aus dem Grün kommenden Klangfolgen, während man am Ende der Brücke mit einem Klangfernrohr aktiv ins Grüne lauscht.


icon NEOBIOTA

Die Installation thematisiert unseren Umgang mit Fremdartigen in der Natur, den sogenannten Neobiota - eingewanderten Arten. So tauchen aus den sechs Hörbäumen irritierend exotische Vogelstimmen auf, die von Instrumentalisten der Staatsoper imitiert und in 12 Vogelduetten umspielt werden.
Und im Klangfernrohr sind in einer wagnerianischen Naturstimmung die Migrationsgeschichten einheimischer wie gebietsfremder Tiere zu hören, die visuell in das Realbild eingespiegelt werden. Dabei stellt sich eine ähnliche Frage wie in der gesellschaftlichen Debatte um die Einwanderungsgesellschaft: Wer darf hier leben ? und Wer bestimmt das?


icon UTOPIE

Dem gegenübergestellt wird eine alte Paradiesphantasie, die im Klangfernrohr an vier utopisch-blauen Flecken im Landschaftsbild erscheint: 'Das goldene Zeitalter' aus den Metamor­phosen von Ovid - gesprochen von Angela Winkler im Stil einer Leseprobe. Ein Text, der in geradezu revolutionären Worten von einer Lebensweise spricht, in der die Menschen in ihrem Verhältnis zu sich und zur Natur im Einklang sind - "zwanglos, ohne Rächer, ohne Gesetz".




Hörbäume

 

Klangfernrohr

Baltimore Trupial Halsbandsittich Hirtenstar Oriol Kookaburra+Pitohui Japanparadiesschnäpper Katzenvogel Orpheus-Zaunkönig Tiefland-Grauphia Benguela-Langschnabellerche Roter Kardinal Spottdrossel

Pirol Rostgans Hainbuche Nandu Mammutbaum Fuchs Zerreiche Türkentaube Halsbandsittich Waschbär Chines. Wollhandkrabbe Reh


INTERVIEW


  • gallery 1
  • GEORG KLEIN / MATTHIAS REBSTOCK
    GRENZEN oder Das Eigene und das Andere

    Matthias Rebstock: Du hast Dich in einer ganzen Serie von Arbeiten mit dem Thema Grenzen beschäftigt. Beim European Border Watch Projekt konfrontierst Du die Rezipientinnen und Rezipienten mit ihrem persönlichen Verhältnis zum „Schutz“ der europäischen Außengrenze. In Sprich' mit mir richtest Du die Aufmerksamkeit auf eine normalerweise verschwiegene Grenze mitten im Stadtraum von Braunschweig, die den Strich vom „normalen“ öffentlichen Raum abgrenzt. Und in TRASA ermöglichst Du Passanten, die geographische Grenze bzw. Trennung zwischen Warschau und Berlin durch eine Begegnung in einer Videoliveschaltung zu überwinden, die allerdings auf besondere Weise verfremdet ist. Schließt Deine neue Arbeit GRÜN HÖREN, die Du für die IGA in Marzahn aufgebaut hast, auch an diese Thematik an?

    Georg Klein: Ja, das könnte man so sehen. GRÜN HÖREN besteht aus zwei Teilen: sechs in den Bäumen versteckten Lautsprechern und einem Klangfernrohr. Bei den "Hörbäumen" arbeite ich mit Vogelstimmen von sogenannten gebietsfremden Arten und lasse sie in Konkurrenz zu den heimischen Vogelstimmen treten. Interessant ist dabei für mich die Auseinandersetzung mit der Frage: Was wird als gebietsfremd klassifiziert und was nicht. Was ist also eine invasive Spezies, eine Art, die nicht hierher gehört, und wer bestimmt das, was ja auch ein Spiegel ist für unsere menschliche Gesellschaft, wo wir die gleichen Auseinandersetzungen führen.

    M.R.: Das heißt, die Diskussion um invasive Arten verläuft nach ähnlichen Mustern wie die Diskussion um die menschliche Migration?

    G.K: Genau. Z.B. geht es auch hier immer um die gefühlte Bedrohung, dass die heimischen Arten weniger werden und unterlegen sind. Und dafür gibt es ja tatsächlich entsprechende Beispiele aus dem Pflanzenreich genauso wie aus dem Tierreich. Aber ganz oft ist es nur Panikmache, weil es bei vielen Arten gar nicht geklärt ist, ob es negative Auswirkungen hat. Zum Beispiel beim Waschbär ist nicht geklärt, ob er mehr Schaden anrichtet als der Fuchs. Interessant fand ich bei meiner Beschäftigung damit, dass gerade Mittel- und Nordeuropa aufgrund der letzten Eiszeit als artenarm gilt, weil die Eiszeit so viele Arten zunichte gemacht hat. Eigentlich könnten noch viele fremde Arten kommen - und es wäre eine Bereicherung. Und im Prinzip ist alles, was wir als einheimisch bezeichnen, irgendwann einmal eingewandert.

  • M.R.: Wie erfährt das Publikum von dieser dahinter stehenden Thematik? Ich höre also Vogelstimmen, erkenne aber in der Regel nicht, welches einheimische und welches fremde Vogelstimmen sind.

    G.K.: Es gibt ein paar Vogelstimmen wie etwa den Orpheus-Zaunkönig. Der kann extrem atonale Tonfolgen - unglaubliche Pfeiftöne. Das ist einer der Vögel, von denen man sagen kann: Den habe ich noch nie gehört, der klingt fremd. Läuft man über die "Tälchenbrücke", hört man den und kommt durch eine zweite Lichtschranke und es taucht eine musikalisierte Form dieser Vogelstimme auf. Darin steckt eine weitere "Ver-Fremdung", eine Form der kulturellen Aneignung des Natürlichen in Kunst, zunächst in einer Imitation durch ein Instrument, dann weiter in einer 6-kanaligen, elektronischen Schwarmbildung.

    Allein durch diese Verfremdungen wird natürlich noch nicht das Thema klar. Deswegen hat die Arbeit einen zweiten Teil: Wenn man über die Brücke gegangen ist, landet man bei dem Klangfernrohr. Das ist eine Art Fernrohr wie sie auf Aussichtspunkten stehen, nur um eine akustische Dimension erweitert, mit zwei Lautsprechern wie ein Kopfhörer. Wenn man durch das Fernrohr sieht und bestimmte Sektionen anvisiert, tauchen kurze Texte auf: Geschichten zur Migration invasiver und heimischer Arten und unseren Umgang damit.

    M.R.: GRÜN HÖREN ist damit auch eine Arbeit, die sich mit Grenzen, mit Grenzverletzungen und Grenzübertritten beschäftigt. Kannst Du kurz umreißen, was die Faszination an dem Thema Grenze für Dich ausmacht?

    G.K.: Es ist ja so, dass man sich mit verschiedenen Sachen beschäftigt und erst im Rückblick merkt, dass es sich immer wieder um das Thema Grenze dreht*. Aber dabei geht es nicht so sehr um das Grenzen-Überwinden. Ich finde es interessanter, auf der Grenze zu stehen und sich auf der Grenze zu bewegen als zu sagen: Ich reiße die Grenze ein. Das ist ja auch so ein gängiger Topos in der Kunst, Grenzen zu überwinden, die Grenzen zwischen den Medien und den Genres und so weiter. Das interessiert mich wenig, sondern vielmehr, mich in einer ambivalenten Situation aufzuhalten und auf beide Seiten gucken zu können. Also selbst in einem Zwischenbereich zu bleiben, von dem aus es unklar ist, wohin es gehen könnte. Ich möchte Menschen in einen solchen Irritationsbereich hinein führen. Irritation ist ein ganz entscheidendes Wort für meine Arbeiten, weil ich denke, dass durch sie etwas im Kopf ausgelöst wird: sich selber zu befragen und zu suchen. Auch diese Suchbewegung ist für mich wichtig: ich baue gerne Situationen, in denen die Leute nach und nach ihre Entdeckungen machen können.

WETTBEWERB / SPONSOREN

Das Klangkunstprojekt ist aus einem Wettbewerb hervorgegangen, den die Grün Berlin GmbH und die IGA Berlin 2017 GmbH mit dem von Musikern der Staatskapelle Berlin gegründeten Orchester des Wandels initiiert und durchgeführt haben. Gefördert wird die Realisierung mit Unterstützung der Groth Gruppe.

Sonderprojekt der IGA-Kunstausstellung "Sichten einer Landschaft", ZKR (Kuratorin: Katja Aßmann).

Benefizkonzert des Orchester des Wandels / Staatskapelle Berlin unter Leitung von Daniel Barenboim am 18. Juni 2017 zugunsten des Klangkunstprojekts GRÜN HÖREN.


KÜNSTLER / MITARBEITER

Idee/Konzept/Ausarbeitung: Georg Klein
Sprechstimmen: Angela Winkler, Johannes Wilms
Instrumentalstimmen: Markus Bruggaier (Horn), Matthias Glander (Klarinette) Simone Bodoky - van der Velde (Flöte), Fabian Schäfer (Oboe) - Staatskapelle Berlin

Texte: 'Das goldene Zeitalter' (Ovid, Metamorphosen), Migration / Invasive Spezies (Kompilation: Georg Klein)
Musik: 12 Vogelduette (Georg Klein), Naturstimmungen deutscher, romantischer Opern (Weber/Wagner - Staatskapelle Berlin), Vogelstimmen: xeno-canto.org

Programmierung/Sensorik: Georg Klein, Pascal Staudt
Grafik/Klangfernrohr: Steffi Weismann
Klangfernrohr/3D-Entwurf/Bau: Viscope (idee concept), Daniel Vogel-Essex (Ozon), Arne Clemens (interzone)
Instrumentalaufnahmen: Johannes Seibt (Staatsoper Berlin)


WORKSHOPS

Die didaktischen Begleitprogramme wurden eigens für die Installation entwickelt und nutzen sie über eine iPad-Steuerung als Instrument und räumliche Wiedergabestation im Park.

Natur klingt gut
für Kinder von 7-10 Jahren (Kathrin Scheurich / StadtNatur)
Franky frägt dich
für Kinder von 11-15 Jahren (Laura Holke mit Rob Brinkmann / Staatsoper Berlin)

Buchungen über:
www.iga-berlin-2017.de/projekte




KONTAKT

Internationale Gartenausstellung Berlin (IGA) 2017

icon 1 U5 Kienberg / Gärten der Welt / Berlin-Marzahn

icon 2 IGA : 0180 1442 2017

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